(noch ein paar Meter in die Arena, wo 70.000 auf den Auftritt von U2 warten)
Ausnahmsweise ein Thema, das nichts mit Programmierung zu tun hat. Anlass ist das wirklich gigantische Konzert von U2 anlässlich ihrer aktuellen 360 Grad Tour, das diese Woche in Gelsenkirchen stattfand, und der Umstand, dass U2 öfter von Musikjournalisten als die "letzte große Rockband" bezeichnet werden (die Rolling Stones zählen nicht, da sie in ihrer eigenen Altersliga spielen), die die Stadien der Welt füllt, was aus meiner Sicht nicht ganz stimmt, da es da noch Bruce Springsteen mit seiner E-Street Band gibt. Auch wenn ein Vergleich Bruce vs Bono ähnlich seriös und sinnvoll ist, als würde man Beethoven mit Mozart vergleichen wollen, ist es trotzdem interessant Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Bands gegenüberzustellen, denn nach ihnen wird mit Sicherheit nichts mehr kommen, was ähnliche Dimensionen annimmt.
Musikalisch liegt zwischen dem Karrierebeginn von Bruce (sein Debüt-Album Greetings from Ashbury Park erschien bereits 1973 - damals lag mein Musikgeschmack irgendwo zwischen Sweet, Suzi Quatro und Bata Illic - 1974 starteten Abba mit Waterloo ihre Karriere) und dem von U2 (das Debüt-Album Boy erschien 1980) zwar fast ein Jahrzehnt, doch gehen die Ursprünge beider Bands auf die 70er Jahre zurück.
Die Musiker stammen aus dem Arbeitermillieu (einmal Dublin, einmal New Yersey), was aber für die damalige Zeit praktisch Voraussetzung war, überhaupt Musik machen zu wollen - von Level 42 einmal abgesehen.
Beide Bands wurden zu Beginn ihrer großen Karriere in den 80ern mit Superlativen bedacht - "die Zukunft des Rockn' Roll" (Zitat vom Musikjournalist John Landau, das sowohl in Newswek als auch im Time Magazine nahezu zeitlich erschien, der kurz nach der Manager von Bruce Springsteen wurde) - und "the only band that matters" (das Musikmagazin Rolling Stone).
Beide dominierten die 80er Jahre musikalisch und prägten sie musikalisch mit. Beide entwickelten sich in den 90er Jahren weiter (wenngleich Bruce mit der Devils & Dust Tour und vor allem mit der einzigartigen Seeger Session Tour deutlich experimentierfreudiger war, allerdings auch Anfang der 90er Jahre eine Art künstlerische Krise (fristlose Kündigung der E-Street-Band, Human Touch-Album mit gleichnamiger Tour, die viele Bruce-Fans nach wie vor zwanghaft verdrängen) durchlebte. Und beide sind 2009(also mehr als 30 Jahre später) immer noch auf dem Höhepunkt ihrer musikalischen Schaffenskraft und Kreativität und lassen (zum Glück) noch keine Ermüdungserscheinungen erkennen.
Beide Bands verfügen über hervorragende Individualmusiker (etwa Nils Lofgren und Clarence Clemons in der E-Street-Band) und natürlich The Edge bei U2 ("even his mama calls him The Edge"), wobei bei Bruce Springsteen und der E-Street-Band er, der Boss, klar dominiert und seinen Musikern pro Konzert maximal ein kleines Solo lässt (etwa für Nils bei Because the night), während The Edge und Adam Clayton bei U2 stark stilprägend sind bzw. das musikalische Zentrum bilden.
Nicht nur Bono ist politisch (hyper-) aktiv, wenngleich sich keiner gekonnter dabei in Szene setzen kann, auch Bruce wurde mit den 80er Jahren zu einem politisch denkenden Musiker (Engagement für die Food Bank in den USA, Amnesty International, aktive Unterstützung im US-Wahlkampf sowohl für John Kerry, leider vergeblich, als auch für Obama). Während bei U2 das politische Element bei den Konzerten nach wie vor eine Rolle spielt (etwa durch die Unterstützung für Aung San Suu Kyi aus Burma, eine Referenz an die iranische Opposition während Sunday, Bloody Sunday oder durch eine Video-Ansprache von Bischof Tutu aus Südafrika zum Ende des Konzerts), hat Bruce "politische Anspielungen" bei seinen Konzerten komplett herausgenommen (im Moment gäbe es auch nicht viel zu kritisieren bzw. da es natürlich immer etwas zu kritisieren gibt, würde eine Kritik etwa am Afghanistan Einsatz oder der Bankenkrise etwas deplaziert wirken).
Sowohl U2 als auch Bruce haben sich eine treue Fanbasis erarbeitet, die fast alle Altersgruppen umfasst, und die kaum Kosten und Mühen scheuen, um bei den Konzerten dabei zu sein (insgesamt scheinen mir die Bruce-Fans etwas fanatischer zu sein, insbesondere die Italienischen - wer würde schon U2 durch ganz Europa folgen und versuchen bei jedem Konzert in der ersten Reihe zu stehen?).
Musikalisch wie inhaltlich unterscheiden sich die Konzerte von Bruce Springsteen und der E-Street-Band und U2 trotz gemeinsamer musikalischer Wurzeln in den frühen 80ern doch relativ stark. Bei U2 dominieren auf einem Konzert die brandaktuellen Stücke und die großen Hymnen wie Pride, Sunday Bloody Sunday und natürlich With or Without you, bei Bruce die "Kracher" aus den späten 70ern und frühen 80ern wie Badlands, The River, Atlantic City, Rosalita, No Surrender, Dancing in the dark und natürlich Born to Run, ergänzt mit den relativ jungen Stücken, etwa aus dem Rising Album. Die topaktuellen Stücke werden gespielt, besitzen aber nicht den Stellenwert wie bei U2 die neuen Stücke aus No Line on the Horizon, die das Publikum fast schon mitsingen kann. U2 hat über die Jahre mit verschiedenen Musikern im Studio zusammengearbeitet, Bruce war musikalischen Einflüssen (etwa aus der Rubrik Blues und Soul), sieht man von der Folk-Legende Pete Seeger ab, weniger offen.
Beide Bands könnten locker doppelt und dreimal solange Konzert geben, ohne dass es langweilig werden würde. Während Bruce mit seiner E-Street-Band früher (in den späten 70ern bis Mitte der 80er Jahre) ohne Pause über 4 Stunden durchspielte und dann immer noch 5 Zugaben gab, sind es heute relativ gut getimte 3:13 Minuten (plus minus ein paar Minuten), U2 bringen es auf knapp 2 Stunden, was für die Fans mehr als ausreichend ist. Anders als man es vermuten könnte, sind Bruce Springsteen-Konzerte keine "Greatest Hits"-Konzerte. Viele kommerziell erfolgreiche oder zumindestens (gerade bei weiblichen Fans) bekannte Stücke wie Streets of Philadelphia, Secret Garden und erstaunlicherweise auch Born in the USA (sein größter kommerzieller Erfolg) spielt er überhaupt nicht (von Ausnahmen einmal abgesehen).
Den größten Unterschied gibt es bei der Bühnenschau. Während es bei Bruce betont schlicht und bodenständig zugeht (ein paar bunte Lampen gehen im Rythmus der Musik an und aus - dafür ist der HD-Großbildschirm nach wie vor State of the Art, auch wenn er bereits seit der Rising Tour 2003 im Einsatz ist), setzen U2 mit der aktuellen 360 Grad-Tour was die Bühnengigantonomie angeht erneut Maßstäbe, die andere Musiker kaum erreichen werden (oder können oder auch wollen). Es lohnt sich wirklich die Tourfotos anzuschauen, auch wenn diese das Live-Erlebnis nur andeuten können.
Bruce tritt mit oder ohne E-Street-Band grundsätzlich ohne Vorgruppe auf (an einem "Wie war die Vorgruppe?" erkennt man zu 100% den Ahnungslosen was Bruce Springsteen angeht), wenngleich er jüngst erstmalig bei verschiedenen Festivals gespielt hat, eine bedenkliche Entwicklung, bei U2 variiert die Vorgruppe je nachdem, was gerade aktuell ist und/oder thematisch zum Konzert passt und man nimmt sie als Konzertbesucher als unvermeidbar in Kauf (absolut "grausam" weil einfach nur laut war die Punk-Vorgruppe auf der Zoo-Tour und der DJ bei der Popmart-Tour, der vor Konzertbeginn elektronische Klangschleifen durch Publikum wabern ließ und am Ende unter Applaus des Publikums samt Mischpult von der Bühne geschoben wurde, war auch nicht gerade ein Genuss),
Dafür gibt es bei Bruce deutlich mehr Abwechslung was die Songauswahl angeht. Man weiß bei ihm nie, was einem bezüglich der Setlist bei einem Konzert erwartet, wenngleich es natürlich einen Kernn gibt, der immer dabei ist (auf der aktuellen Tour können die Fans in den ersten Reihen ihre Musikwünsche auf selbst beschriebene Pappkartons, aufblasbare Plastiktorten oder andere mit Filzstift beschreibbare Utensilien beim Boss während des Konzerts "einreichen" - mehr Zuschauerintegration geht nicht). U2 scheint wohl erst auf ihrer aktuellen Tournee den Mittelteil stärker zu variieren.
Sowohl Bruce als auch Bono sind hundertprozentige Bühnenpersönlichkeiten mit starkem Charisma, wenngleich Bono der etwas größere "Darsteller" ist. Doch während Bono im Allgemeinen unerreichbar für die Fans über die Bühne fetzt, gibt sich Bruce seit der Magic-Tour extrem publikumsnah und als "Star zum Anfassen" (im wörtlichen Sinne), was nicht nur weibliche Fans an den beiden ins Publikum reichenden Laufstegen während des Konzerts ein paar Mal in Ekstase versetzt.
Sowohl bei U2 als auch bei Bruce halten sich die Preis für Konzertkarten noch in halbwegs erschwinglichen Regionen (Innenraum bei U2 70€, bei Bruce ca. 85€ - eine Menge Geld natürlich, doch kein Vergleich zu den "Irrsinnspreisen", die z.B. von Madonna verlangt werden (allerdings sind sowohl U2 als auch Madonna bei Live Nation unter Vertrag). Sowohl U2 als auch Bruce mit seiner Band dürften pro Konzert 1-2 Millionen verdienen (75.000 x 90 = ???) und gehören zu den Einkommensmillionären der Branche.
Bruce Springsteen hat mit der E-Street-Band und solo bis heute auf 16 Alben herausgebracht, U2 kommen auf 13. Seit The Joshua Tree kam jedes U2-Album in Deutschland auf Platz 1 der Charts, bei Bruce war dies "nur" bei Born in the USA, The Rising, Devils&Dust (ohne E-Street Band) und dem aktuellen Working on a Dream der Fall, was insofern bemerkenswert ist, da sie sich musikalisch teilweise recht stark unterscheiden.
U2 hat die deutlich moderne Website. Bei Bruce (bzw. Sony Music) wirkt alles noch ein wenig hausbacken, aber auch etwas sympathischer. Bruce hat sich (bislang jedenfalls) weder an Apple noch an einen anderen Hauptsponsor "verkauft". U2 ist in dieser Beziehung etwas flexibler, spricht aber auch eine um einige Jahre jüngere Fanbase an.
Uff, das war ein längerer Eintrag, der absolut nichts mit Programmierung zu tun hatte (zum Musikjournalisten reicht es sicher noch nicht ganz), den ich aber einmal "los werden" wollte. Einen kleinen "Programmieraufhänger" gibt es aber dennoch zum Schluss. Auf der Basta! im September (mehr dazu in Kürze) werde ich meine Bruce-Konzertdatenbank mit ein paar LINQ-Beispielen vorstellen. Wie wäre es mit einem "From K In Konzerte Where K.Jahr >= 2003 From S in Songs Where S.Titel = "Born in the USA" Select K" oder so ähnllich, um alle Konzerte herauszubekommen, in denen der Top-Hit aus dem Jahr 1984 gespielt wurde?