(wer zu spät kommt...)
Dieser Beitrag hat zur Abwechslung nichts mit einem Entwicklerthema zu tun, aber doch erstaunlich (oder erschreckend) viel mit dem Wandel, der durch das Internet in immer mehr Bereiche des täglichen Lebens einzieht, und den wir als Programmierer, Web-Designer, Entscheider in IT-Projekten oder einfach nur als IT-Begeisterte zu einem zwar extrem geringen, aber doch vorhandenen Teil mit vorantreiben. Vor allem geht es um ein Thema, das mir zunehmend Sorgen bereitet, da der Wandel, der durch das Internet immer mehr beschleunigt wird, sich nicht nur auf Versandhaus-Dinosaurier und Kaufhäuser beschränken wird, sondern in naher Zukunft auch andere Bereiche des wirtschaftlichen Lebens betreffen wird (z.B. Verlage). Und wenn einem heutzutage etwas Sorgen bereitet (und es nicht gerade private Themen sind) bloggt man eben darüber. Wozu gibt es schließlich das Internet?
Mit der Verschwinden von Quelle verschwindet ein Teil des deutschen Alltagsleben. Viele Tausend Arbeitsplätze (nicht nur in Deutschland, sondern u.a. auch in Österreich) werden praktisch über Nacht vernichtet, was für die Betroffenen und ihre Familien Unsicherheit, Verbitterung, Zukunftsängste und spürbare Einschränkungen im täglichen Leben zur Folge haben wird, vor allem aber auch das Gefühl von einen Tag auf den anderen nicht mehr gebraucht zu werden. Fürth und Quelle mögen für die meisten weit weg sein, aber es gibt sicher bei jedem in der Region ein Beispiel, wo der "Strukturwandel" auf ähnliche Weise sichtbar wird (bei mir vor der sprichwörtlichen Haustür ist es z.B. die Auto-Industrie).
Natürlich gibt es Gründe für diese wirtschaftliche Katastrophe. Ich bin mit Quelle, Privileg und Universum zwar aufgewachsen, doch war seit geschätzten 20 Jahren nicht mehr in einem Quelle-Laden gewesen und wäre in den letzten Jahren nie auf die Idee gekommen, z-B. eine Digitalkamera über den Quelle-Katalog zu bestellen. Man ändert einfach sein Konsumverhalten, wozu natürlich Amazon&Co, "Geiz ist geil" usw. dazu beigetragen haben.
Natürlich muss man nach den Verantwortlichen fragen, wobei die Frage relativ einfach zu beantworten sein dürfte. Ohne irgendwelche Details zu kennen tippe ich auf das Management des Versandhauses, das sich als komplett unfähig erwiesen hat, offensichtliche Veränderungen im Kaufverhalten der meisten Deutschen zu erkennen und darauf entsprechend zu reagieren. Amazon ist nicht erst seit gestern in Deutschland vertreten und wenn einem selber nichts einfällt, kopiert man ein erfolgreiches Konzept (das hat bei verschiedenen "Sozial-Networking"-Plattformen in Deutschland offenbar ganz gut funktioniert). Tchibo, in den 70er Jahren noch eine eher etwas biedere und "langweilige" Kaffehauskette hat es offenbar erfolgreich geschafft, sich an das Internet-Zeitalter anzupassen (mit 3.65 Milliarden € liegt der Jahresumsatz in Deutschland um einiges höher als z.B. der von Amazon in Deutschland).
Eine Teilschuld trägt für mich auch die Politik. Nicht, weil sie bei Quelle nicht mit Staatshilfen wie bei diversen Banken eingesprungen ist, was zwar einen gewissen Beruhigungseffekt (vor allem vor (!) einer Wahl) gehabt, aber an der generellen Situation natürlich nicht das Geringste geändert und das Problem zu Lasten der Steuerzahler einfach nur verschoben hätte. Die Politiker (in diesem Fall jene in Bayern) hätten bereits vor Jahren auf den erkennbaren und voraussehbaren Wandel reagieren und auf einer Art regionaler oder überregionaler "Zukunftskonferenz" mit Unternehmen und Betroffenen über Strategien diskutieren können, wie man auf den durch Globalisierung (mit der die Deutschen generell ihre Probleme haben) und das Internet ausgelösten bevorstehenden Wandel in Deutschland reagieren kann (wozu warb man in Bayern zur Stoiber-Ära noch mit der unwiderstehlichen Kombination aus Laptop und Lederhose?). Zu diskutieren sichert zwar keine Arbeitsplätze, aber es sensibilisiert die Beteiligten und vermittelt das Gefühl handeln zu können und einer Entwicklung nicht ausgeliefert zu sein. Außerdem hätte man etwas mehr Druck auf die Verantwortlichen in potentiell gefährdeten Unternehmen ausüben können auf die bevorstehenden Änderungen zu reagieren. Etwa: Muss man im Jahre 2009 einen 1.500-Seiten Katalog mit 70.000 Artikel an mehrere Millionen Haushalte versenden, wenn mehr und mehr Menschen über das Internet bestellen. In der Autobranche (Stichwort: Klimawandel, C02-Reduzierung, Trend zu erneuerbaren Energien usw.) scheint diese vorausschauende Planung zu funktionieren (bzw. hier ist es so offensichtlich wie nirgendwo anders, dass es dazu keine Alternative gibt).
Das bittere an dem Ende von Quelle ist, dass das Unternehmen nicht daran gescheitert ist, dass seine Dienstleistung nicht mehr gefragt ist. Der Versandhandel hat in Deutschland 2008 28.6 Milliarden € umgesetzt und hat (laut Statistik) einen Anteil von 7% am Einzelhandelsumsatz erreicht. Davon fällt auf die Versender mit Katalog- und Internet-Einsatz 16.6 Milliarden €, auf die reinen Internet-Versender stolze 4.5 Milliarden € (die Zahlen stammen vom Bundesverband des deutschen Versandhandels). Die Nachfrage ist also da und wird in den kommenden Jahren mit Sicherheit nicht wesentlich nachlassen. Bei einem entsprechenden Geschäftsmodell hätte sogar die Kombination aus Internet-Bestellplattform mit einem engmaschigen Filialnetz (bekanntlich gibt es in jedem "Kuhdorf" einen Quelle-Shop) ein entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber reinen Internet-Versendern sein können. Nur hätte diese Entwicklung vor 5 Jahren eingeleitet werden müssen als bereits abzusehen war, dass der Internet-Handel irgendwann in nächsten Jahren den traditionellen Katalogversand verdrängen wird.
Quelle wird leider nicht das letzte Opfer des Wandels gewesen sein. Es ist erschreckend (und gleichzeitig auch faszinierend) wie z.B. Google dabei ist, nach und nach ganze Branchen zu marginalisieren (dass sich Herausgeber von Stadtplänen etwas einfallen müssen ist schon länger klar, aber dass z.B. die Hersteller von Navigationsgeräten in naher Zukunft ein Problem bekommen könnten weil praktisch die komplette Funktionalität eines Navi bei einem Android Handy mit dabei ist, ist eine Entwicklung, die zwar ebenfalls irgendwie vorhersehbar war, aber trotzdem überraschend kommt).
Als einzelner kann man relativ wenig tun, die Entwicklung zu beeinflussen, aber es gibt Möglichkeiten: Ich werde in Zukunft private Dinge wieder per Brief verschicken (und nicht mehr per Mail, was gleich mehrere Vorteile hat -Stichwort: Privatsphäre - auch die Post hat massiv mit dem durch Mail und SMS veränderten Kommunikationsverhalten zu kämpfen) und Bücher nicht reflexartig beim Online-Kaufhaus bestellen, sondern beim lokalen Buchhändler (von denen die meisten auch eigene Bestellseiten im Internet offerieren). Das bedeutet zwar, dass das Buch eventuell nicht mehr am übernächsten Tag ins Haus geliefert wird (wenngleich jede Buchhandlung damit wirbt, praktisch jedes Buch auf den nächsten Tag bestellen zu können), aber Bequemlichkeit ist generell eine schlechte Ausrede (die Logistikunternehmen müssen sich um ihre Zukunft hoffentlich keine Sorgen machen, wenn mehrere Dutzend Bücher im Jahr nicht per ausgeliefert werden;).
Das alles wird weder die Milliardenverluste der Post AG auffangen, noch die nächste Buchhandlung vor einer Insolvenz retten, aber es ist zu mindestens eine symbolische Aktion, die Wirkung zeigen könnte. Ich vertraue hier auf den "Schmetterlingseffekt". Wenn viele das Richtige tun hat das Tun, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist, auch eine Wirkung. die zu einer positiven Veränderung führen kann.