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 Tuesday, March 09, 2010

Cebit2010_MassnameA
(auf der Gegenfahrbahn den Stau überholen - die Maßnahme 'A' macht's möglich)

Letzte Woche fand in Hannover traditionell wieder einmal die CeBit statt, die "weltgrößte Computermesse" (wie es in den Radionachrichten seit Jahren heißt und wo das Wort "Computer" mit der Betonung auf dem "u" immer so betont wird als wäre das noch ein exotisches Thema - dabei verfügt ein modernes Handy vermutlich über mehr Rechenleistung als die meisten Mainframes der 70er Jahre). Die Cebit ist auch keine Computermesse, sondern eher eine Bühne für die gesamte Palette an IT-Dienstleistungen, insbesondere deutscher Firmen. Wer die "neusten Modelle" sehen möchte wird vermutlich genauso enttäuscht sein wie jemand, der von den ganzen Thematik keine Ahnung hat und endlich einmal aus nächster Nähe erleben möchte, wie Computerfreaks, Programmierer oder Hacker aussehen. Die Cebit ist insgesamt eine relativ unspektakuläre Angelegenheit und man muss bereits genauer hinschauen und Hunderte von Metern durch die großen Hallen zurücklegen, um echte Innovationen zu erleben (aber es gibt sie natürlich). Aber die CeBit besitzt nach wie vor ihre speziellen Reize, für die es sich lohnt am Messebahnhof Laatzen auszusteigen (der Umstand, dass der ICE während der CeBit-Woche kurz vor Hannover einen Zwischenhalt einlegt macht die Messe gerade für Tagesbesucher leicht erreichbar).

Branchengrößen wie Adobe oder Apple sind seit Jahre nicht mehr auf der CeBit vertreten (dafür war Dell nach Jahren der Abstinenz wieder mit einem eigenen Stand dabei) genauso wenig wie es den Flair der Anfangsjahre mit Firmen wie Commodore, Schneider, Micrografx oder Borland noch nicht. Dafür war Google erstmals (?) mit einem eigenen Stand vertreten, der aber lediglich aus einer schlichten Bühne bestand, auf dre drei StreetView-Cars platziert wurden mit denen Google die flächendeckende Erfassung von Straßen und Häusern durchführt (theoretisch soll jeder Quadratmeter in Deutschland erfasst werden, was enorme Eingriffe in die Privatsphäre zur Folge hat - in einer Image-Broschüre, die am Stand ausgelegt wurde, und in der sich das alles relativ harmlos anhört, findet man auch eine Hinweis darauf, dass theoretisch jeder Einspruch dagegen erheben kann, dass z.B. das eigene Haus "identifizierbar" wird (mehr dazu z.B. hier). Ein wenig seltsam war, dass sich scheinbar kein Google-Mitarbeiter am Stand aufhielt (oder ich war einfach am falschen Stand gewesen;).

Cebit2010_StretViewCar 
(demnächst womöglich vor Ihrer Haustür - ein StreetView-Car von Google)

Die CeBit kommt in der Fachpresse seit Jahren eher schlecht weg, ganz zu Unrecht wie ich finde. Natürlich sind die Zeiten vorbei, in denen auf der CeBit irgendwelche bedeutenden "Ankündigungen" gemacht wurden. Auch der Umstand, dass viele wichtige Unternehmen nicht mehr dabei sind kann man der Firma mit dem wohlklingenden Namen "Deutsche Messe", die die CeBit seit Jahren nicht nur in Deutschland durchführt, nur indirekt vorwerfen. Die Branche, sofern man sie überhaupt noch als Ganzes erfassen kann, ist dazu einfach zu vielfältig geworden, als dass sich alles in einer Messe unterbringen ließe. Und: Innovationen, mit denen sich "Experten" beeindrucken ließen sind seltener geworden, da Quantensprünge nicht in Intervallen von Jahren, sondern Jahrzehnten stattfinden und es dann noch einmal ein "paar Jahre" dauert bis sie kommerziell eine Rolle spielen (die CeBit ist zudem keine Innovationsschau, sondern in erster Linie eine Produkt- und Handelsmesse).

Man kann dem CeBit-Veranstalter auch nicht vorwerfen, sich nicht etwas einfallen lassen zu haben, um dem Besucherschwund entgegenzuwirken. Letztes Jahr erhielten eine Reihe von Open Source-Projekte (kostenlose) Standflächen, dieses Jahr wurde mit der CeBit Sounds und der Spielhalle mit den "Intel Extreme Masters" gezielt das jüngere Publikum angesprochen. Für Innovationen ist traditionell die Halle 9 mit ihrem "Future Parc" zuständig, in der sich (in Bundesländer unterteilt) Universitäten und Forschungseinrichtungen präsentieren, aber auch Firmen mit kommerziellen Produkten. Besonders beeindruckt hat mich der Eye-Tracking-Scanner der Firma Tobii, der auf die Pupillen-Bewegung reagiert und dadurch z.B. erkennen kann, wie lange der Betrachter auf bestimmten Stellen des Bildschirms verweilt. Ich habe es problemlos geschafft, einen Text mit dem zu scrollen, was ganz neue Möglichkeiten eröffnet wie sich z.B. eBooks lesen lassen.

Natürlich gab es noch eine Reihe weiterer echter Innovationen bzw. interessanter Produkte - die folgende Aufstellung erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Das LTE-Connected Car bei Alcatel Lucent (LTE ist der "Nachfolger" von UTMS und verspricht DSL-Geschwindigkeit beim mobilen Internet-Zugang - ich fahre zwar relativ wenig Auto, doch zeigt die Entwicklung eindrucksvoll, dass Breitband in ein paar Jahren als gegeben vorausgesetzt werden kann).
  • 3D HD-Beamer von LG (klingt im Moment noch etwas exotisch, wird in ein paar Jahren sicher Standard sein).
  • Ein "Brain Computer-Interface", mit dem sich ein Computer durch Gehirnaktivitäten steuern lässt  (so etwas kann natürlich nur aus Österreich kommen;)
  • Eine vom Fraunhofer Institut in Erlangen entwickelte Software mit dem Namen Shore, die Mimik und Gemütszustand erkennen kann (und die es auch zum Download gibt).
  • Ein schicker eBook-Reader von Asus
  • 3D-Fernsehen in verschiedenen Ausprägungen
  • Einige Computerbuchverlage (Pearson, Gallielo) sind wieder zurück (nicht erst seit diesem Jahr)

Einen unterhaltsamen Überblick vermittelt das c't-TV-Magazin mit Georg Schnurrer's Messerundgang:

http://www.heise.de/ct-tv/artikel/Video-Was-gibt-s-denn-hier-zu-sehen-938339.html

Auch Microsoft war natürlich wieder in Halle 4 mit einem bunten Themenmix vertreten bestehend aus Themen wie Cloud Computing (Frank Fischer hielt einen guten Vortrag, bei dem er den Übergang von der Anwendung, die auf eigenen Servern des Unternehmens läuft, auf das Hosting in der Cloud mit einem "jetzt machen wir das Kabel einfach etwas länger" umschrieb - eindrucksvoll war auch sein Zahlenvergleich - der größte Hoster in Europa hat nach seinen Worten ca. 25.000 Server "im Keller" stehen - "soviel bauen wir jeden Monat in unsere DataCenter ein"), Business Intelligence, Windows 7, das neue Arbeiten, Office 2010 oder das digitale Klassenzimmer. Entwicklerthemen spielen leider kaum noch eine Rolle und reduzieren sich im Wesentlichen auf Übersichtsvorträge im MSDN-Kino und einer unscheinbaren Informationstheke, an der man theoretisch Fragen stellen kann (Tobias Weltner war mit seinem beinahe schon traditionellen PowerShell-Vortrag dieses Jahr leider nicht dabei).  Es gab genau einen PC, auf dem Visual 2010 Studio gezeigt wurde, allerdings war das ein Partnerstand. Für mich ganz klar die falsche Schwerpunktsetzung.

Die Hotelpreise lagen auch 2010 deutlich über dem Durchschnitt (die astronomischen Preise, bei denen ein Hotelzimmer, das außerhalb der CeBit für 90€ zu haben ist, auf einmal 300 bis 400€ kostet, gab es auch dieses Jahr), aber es nicht mehr so, dass Hannover komplett ausgebucht wäre und es unmöglich wäre, kurzfristig ein (bezahlbares) Hotelzimmer zu finden (mein Tipp: das B&B-Hotel an der Autobahnraststätte Garbsen;). Auch die Maßnahme "A" (wie Anfahrt) wurde noch nicht abgeschafft. Sollte es sie eines Tages nicht mehr geben, würde ich mir über die Zukunft der CeBit ernsthaft Gedanken machen.

 

 Cebit2010_Checkin
(auch wenn es im Pressezentrum deutlich ruhiger zugeht als früher, die CeBit ist immer noch einen Besuch wert)

Tuesday, March 09, 2010 12:35:00 PM (Romanische Normalzeit, UTC+01:00)  #    Comments [0] -

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